Giacinto Scelsi
REVISITED

Die Musik kann nicht ohne den Klang existieren, aber der Klang existiert sehr wohl ohne die Musik. Also scheint es, dass der Klang wichtiger sei. Damit können wir beginnen.

– Giacinto Scelsi

Mehr als zwanzig Jahre blieben die Tore des Archivs der Fondazione Isabella Scelsi in Rom nach dem Tod Giacinto Scelsis am 9. August 1988 verschlossen. Vermutungen, Spekulationen und Gerüchte über Scelsis Schaffen schossen in dieser Zeit üppig ins Kraut, konkretes Wissen und ein tieferes Verständnis seiner Kompositionstechnik waren mangels jeder Zugangsmöglichkeit zu seinem Werk so gut wie nicht zu erlangen. 

Für ein Gemeinschaftsprojekt der Fondazione Isabella Scelsi mit dem Klangforum Wien hat Uli Fussenegger den Bestand der Tondokumente der Stiftung im Lauf des Jahres 2011 durchforstet und dabei aufregende Entdeckungen gemacht: Bei den angeblichen „Improvisationen“, die Scelsi auf der Ondiola gespielt und dann seinen Assistenten zur Transkription in Ensemble- und Orchesterwerke übergeben haben soll, handelt es sich in Wahrheit um zumindest sehr weit fortgeschrittene Werkskizzen, wo nicht um komplexe Kompositionen. Diese wurden in Mehrstufenverfahren in wiederholten Aufnahmesitzungen auf Tonträgern fixiert. 

Auf der Grundlage der substanzreichsten dieser unveröffentlichten Tondokumente haben Ragnhild Berstad, Uli Fussenegger Georg Friedrich Haas, Fabien Levy, Tristan Murail, Michael Pelzel, Michel Roth und Nicola Sani neue Werke für das Klangforum Wien geschaffen. Im Rahmen des Projekts Giacinto Scelsi REVISITED, welches einen Einblick in den Kosmos einer der komplexesten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts bietet, werden wir die Stimme Scelsis, der auch eine Art von Lebenserinnerungen auf Band gesprochen hat, ebenso hören, wie die von Scelsi gespielte Ondiola, die noch nie im Konzertsaal zu erleben gewesen ist.